Das komplette Projekt in Berlin: InWaves.berlin

 

Impressum, Datenschutz

Eindrücke von der Vernissage

Wir dokumentieren die Rede von Sonja Borski und Lisa Harder zur Eröffnung der Ausstellung.

“Guten Abend auch von uns. Mein Name ist Sonja Borski, vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Neben mir ist Lisa Harder, Kulturwissenschaftlerin und freie Mitarbeiterin der Kulturkirche. Auch von unserer Seite nochmals vielen Dank für die wunderbare Zusammenarbeit! 

Ein ganz besonders herzliches Dankeschön auch an die vielen helfenden Hände rund um die Ausstellung. Besonders das Team von Ehrenamtlichen und Mitarbeiter*innen der Kulturkirche hat uns sehr unter die Arme gegriffen. Ohne Sie wären wir heute nicht hier und ohne Sie wären die Werke auf der Überseeinsel nicht zu sehen. 

Es ist beeindruckend, dass diese Ausstellung in einem Klima des Möglich-Machens nach Bremen geholt werden konnte. Von allen Seiten bekamen wir zu hören, wie beeindruckend die Fotografien seien und wie wichtig die Themenstellungen. Aber mir ging es bei der ersten Begegnung mit den Werken ganz genauso.

Bei Titel Thesen Temperamente lief ein Beitrag über die Ausstellung in Berlin, den ich zufällig gesehen habe und ich dachte “diese Ausstellung müssen wir auch in Bremen zeigen”. Bei einem der ersten Kontakte mit Sina Niemeyer kam dann heraus, dass sie gerade schon mit Jörg Hein von der Arbeitnehmerkammer gesprochen hatte, woraus sich diese Zusammenarbeit ergeben hat.

Nun stehen wir hier!

“IN WAVES #womenincovid” ist eine Ausstellung von 24 Berliner Fotograf*innen. Wir zeigen in Bremen eine Auswahl von 16 Fotograf*innen – hier vor Ort an der Kulturkirche sehen wir einen Teil der Ausstellung, auf dem ehemaligen Kellogg-Gelände zeigen wir die weiteren Werke. Wer möchte, hat heute die Gelegenheit, auch mit einigen der Fotografinnen ins Gespräch zu kommen. Bitte machen Sie davon reichlich Gebrauch!

Warum eigentlich wollen wir die Ausstellung INWAVES#womenincovid hier in Bremen zeigen? Ist das Thema Corona nicht endlich mal durch?

Leider nein. Wir wissen aus Studien, dass die Pandemie die Situation von Frauen in vielen Bereichen verschlechtert hat. Und wir wissen, nicht zuletzt durch die Arbeit der Arbeitnehmerkammer, dass die Situation in vielen Bereichen gerade in Bremen besonders dramatisch ist. Aufmerksamkeit kommt in Wellen und viele Themen der Ausstellung haben die öffentliche Aufmerksamkeit zu Unrecht wieder verloren.

Corona hat in vielen Bereichen die Verteilung von Geld, Aufmerksamkeit und Chancen für Frauen verschlechtert. Die Unterstützungsleistungen des Staates in der Pandemie haben Frauen oft schlechter erreicht: sie sind häufiger in Minijobs beschäftigt als Männer, sie haben häufiger Teilzeitbeschäftigungen, sind in schlechter bezahlten Sektoren beschäftigt — Kurzarbeitergeld war für sie weniger unterstützend. 

Frauen haben während Lockdown und Homeschooling vielfach die Betreuung der Kinder übernommen. Ihr Anteil an Care Arbeit und unbezahlten Haushaltstätigkeiten ist um ein Vielfaches höher als der von Männern. Dies hat sich in der Pandemie noch verstärkt und es ist nicht selbstverständlich, dass sich das so schnell wieder ändern wird.

Die Sorgen Alleinerziehender in der Pandemie waren nicht nur finanzieller Natur — die Angst vor Infektion, davor, nicht mehr in der Lage zu sein, die familiären Aufgaben zu bewältigen, waren sehr belastend. Die Fotografien von Sophie Kirchner aus dem Leben von Alleinerziehenden zeigen Ausschnitte aus diesem aufreibenden Alltag.

Kennen Sie noch die Vokabel “systemrelevant”? Viele der unsichtbaren systemrelevanten Berufe und Tätigkeiten, wie etwa in der Lebensmittelindustrie, werden von Frauen ausgeübt. So erzählte uns Herr Thase, ehemaliger Vertriebsleiter der Kellogg-Fabrik, die bis 2018 hier in Bremen auf der Überseeinsel stand, dass ihn die Fotos der Werkreihe “Fabrikarbeiterinnen” von Monika Keiler sehr an die Frauen erinnern, die in der Kellogg-Fabrik gearbeitet haben. Um so stimmiger, dass die Werke dort gezeigt werden.

In Bremen ist die Erwerbsquote von Frauen im Bundesvergleich besonders niedrig. Viele Frauen arbeiten in Bereichen, die von der Pandemie besonders betroffen waren – der Pflegesektor ist in Bremen einer der wichtigsten Beschäftigungsträger. Wir wissen alle, dass die Pflege aber auch ein Sektor ist, in dem die Arbeitsbedingungen nicht gut sind und die Pandemie hat diese Situation nicht verbessert. Wir bekommen durch die Arbeiten von Verena Brüning & Julia Steinigeweg sowie Maidje Meergans Einblicke in diese Arbeitwelt. Das ist wichtig, denn die kurze Aufmerksamkeit, die der Situation in der Pflege zu Teil wurde, ist wieder verschwunden. Es war möglich, dass das Krankenhauspersonal in NRW mehr als 11 Wochen fast unbemerkt von der Öffentlichkeit für bessere Arbeitsbedingungen streiken konnte. Wir zucken mit den Schultern über die gruseligen Arbeitsbedingungen und wenden uns ab.

Jacobia Dahm zeigt hingegen die andere Seite des Pflegesektors, nämlich, wie es für Frauen in einem Berliner Wohnstift war, monatelang auf Sport zu verzichten – und wie groß die Erleichterung war, als dies wieder möglich wurde.

Gleichzeitig hat die Pandemie bestehende Verletzlichkeiten und Ungleichheiten noch verstärkt, da bestimmte Communities in den gesellschaftlichen und politischen Debatten rund um die Entscheidungen zur Bekämpfung der Pandemie wenig berücksichtigt wurden: Welche Auswirkungen die Kontaktbeschränkungen für trans* und nicht-binäre Personen hatten, deren sexuelle Identität in ihrer Herkunftsfamilie eventuell nicht anerkannt wird, zum Beispiel. Und welchen besonderen Stellenwert Freund*innen und Netzwerke haben, die als Rückzugsort und Safe Spaces fungieren und damit quasi zur Ersatzfamilie fernab von biologischer Verwandtschaft werden. Doch Trans* und nicht-binäre Personen spielen in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu oft nur eine untergeordnete Rolle – um so wichtiger, dass ihre Geschichten in den Arbeiten von Bahar Kaygusuz und Marlena Waldthausen erzählt werden.

Auch Frauen, die auf der Straße leben, sind auf eine merkwürde Art und Weise unsichtbar. Sie haben kaum eine Lobby – und für Bremen gesprochen, auch keine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Infrastruktur. Jana Sophia Nolle macht in ihrer Arbeit auf dieses Thema aufmerksam.

Ruth Prietro zeigt uns in ihrer Arbeit “Denken an Blumen” die Lebensrealitäten von Frauen, deren Leben von Migration geprägt ist und für die der Verlust eines Arbeitsplatzes, wenn nicht sogar der Verlust der persönlichen Freiheit oder eines geliebten Menschen, Alltag bedeutet. Doch sie zeigt auch, welche persönlichen Bewältigungsressourcen die Frauen aufgebaut haben und wie sie sich gegenseitig empowern.

Es gab einige Menschen, die ihrer Arbeit während der Pandemie gar nicht mehr nachgehen konnten. Darunter Sexarbeiter*innen, denen durch das Verbot der Ausübung sexueller Dienstleistungen jegliche Möglichkeit genommen wurde, Geld zu verdienen und die sich dadurch noch weiter ins Private und weniger sichtbare Räume zurückgezogen haben. Die Reihe “Im Verborgenen” von Kathrin Tschirner protraitiert eine Reihe Berliner Sexarbeiter*innen, die ebenfalls beim Kelloggs-Gelände gezeigt werden.

Die Pandemie hat uns alle zum Nachdenken gezwungen, uns oftmals unseren eigenen Gedanken überlassen und teilweise unsere Pläne durchkreuzt. Inwiefern dies aber auch Raum zur Veränderung und Möglichkeiten für Neuanfänge geboten hat, zeigen Doro Zinn und Merve Terzi in ihren Arbeiten, beide auf jeweils ganz eigene Art. Die Arbeiten “Mozaik” und “In Blue” sind beide hier an der Kulturkirche zu sehen.

Auch unser Freizeitverhalten hat die Pandemie erheblich verändert und uns zu Neuanfängen bewogen, mussten wir, statt ins Theater und ins Kino zu gehen, auf den öffentlichen Raum ausweichen. Die Reihe “Freizeit und Erholung” von Giuilia Thinnes zeigt, wie das bekannte Tempelhofer Feld in Berlin zu einem Ort der Ruhe und Erholung wurde, um in Zeiten der Unruhe Kraft zu tanken.

Ebenfalls hier an der Kulturkirche zu sehen ist “In Sight” von Nura Qureshi, die darauf verweist, welche Auswirkungen die Pandemie auf asiatisch gelesene Menschen hatte. Vorurteile und Rassismen gegenüber Asiat*innen gab es auch schon vor Covid-19 – der Ursprung des Virus in China hat diese allerdings nochmal verstärkt.

“An jedem dritten Tage” – so lautet der Titel der Arbeit von Sina Niemeyer. An jedem dritten Tag stirbt in Deutschland eine Frau durch die Gewalt eines Mannes. Diese Art der Gewalt wird als Femizid bezeichnet. Ein Mord an einer Frau, aufgrund ihres Geschlechts. Sina Niemeyer spürt in ihrer Arbeit dem Mord an Noelle, eines 15-jährigen Mädchens und dem Umgang mit ihren Angehörigen damit nach. Eine Arbeit, die dem Vergessen entgegen wirkt und darüber hinaus dazu aufruft, der Gewalt gegenüber Mädchen, Frauen, Trans* und nicht-binären Personen endlich etwas entgegen zu setzen.

Wir danken den Fotografinnen dafür, den abstrakten Zahlen und Erkenntnissen ein Gesicht zu geben. Dafür, dass sie mit ihren Arbeiten die vielen, persönlichen Geschichten erzählen, die natürlich absolut individuell, aber auf eine Weise doch universell sind – denn es gibt sie in jeder Stadt, auch in Bremen. Ihre Fotografien weisen auf Leerstellen unserer medialen Repräsentation, unseres gesellschaftlichen Diskurses hin und geben diesen vielfältigen Geschichten eine Stimme und eine Plattform.

Auch mit unserem Begleitprogramm wollen wir einzelne Themen der Ausstellung nochmals aufgreifen und in einen Dialog mit Besucher*innen kommen. Sie finden auf den Tischen verteilt eine Übersicht mit allen Veranstaltungen, zu denen wir Sie ebenfalls ganz herzlich einladen möchten.
Und bevor wir sie nun dazu einladen wollen, sich auf die vielfältigen, spannenden Werke einzulassen und mit den anwesenden Fotografinnen ins Gespräch zu kommen, übergeben wir noch einmal an Sina Niemeyer, eine der Fotografinnen, die uns etwas zur Entstehung der Ausstellung und ihren Erfahrungen als Fotografin erzählt.”